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  • Henning Krischke
  • 2. Februar 2026

Das Buddenbrooks-Syndrom: Warum 70 % aller Familienvermögen an fehlender Governance scheitern

  • 6 Min. Lesezeit
  • Finanzplanung,Marketing & Kommunikation
Das Buddenbrooks-Syndrom: Warum 70 % aller Familienvermögen an fehlender Governance scheitern

Die statistische Realität des Vermögensverfalls

Es gibt eine statistische Realität, die bedrohlicher ist als jede Erbschaftsteuer: Die 70-Prozent-Regel. Weltweite Studien, insbesondere die umfassende Analyse der Williams Group aus Chicago, zeigen ein erschütterndes Bild: 70 % der Vermögenstransfers an die nächste Generation scheitern. Das Vermögen schmilzt ab, die Familie zerstreitet sich, das Unternehmen wird verkauft oder zerschlagen.

Diese Statistik ist nicht nur ein amerikanisches Phänomen. Studien des Family Business Network Deutschland bestätigen ähnliche Trends für den deutschsprachigen Raum. Von den rund 3,2 Millionen Familienunternehmen in Deutschland überleben nur etwa 30 % den Übergang in die dritte Generation. Das entspricht einem volkswirtschaftlichen Schaden von mehreren hundert Milliarden Euro jährlich.

Die wahren Ursachen des Scheiterns

Warum scheitern Vermögenstransfers? Die Antwort überrascht: In den seltensten Fällen sind steuerliche Fehler oder schlechte Investments der Grund. Laut der Williams-Studie machen diese klassischen „harten” Faktoren weniger als 3 % der Fälle aus. Der Hauptgrund für das Scheitern liegt in den „weichen” Faktoren: Über 60 % der gescheiterten Übergaben gehen auf mangelnde Kommunikation und fehlendes Vertrauen innerhalb der Familie zurück.

Praxisbeispiel: Die Familie Müller führt seit 1952 einen mittelständischen Maschinenbaubetrieb in Baden-Württemberg. Als der Gründer 2019 verstarb, erbten drei Kinder das Unternehmen. Zwei arbeiteten aktiv mit, eines lebte in den USA und wollte nur Dividenden. Innerhalb von 18 Monaten eskalierte der Konflikt um Investitionsentscheidungen so stark, dass das Unternehmen 2021 an einen Konkurrenten verkauft werden musste – 40 % unter dem ursprünglichen Verkehrswert.

Die strukturelle Divergenz der Generationen

Das Problem verschärft sich exponentiell mit jeder Generation, ein Phänomen, das Familienunternehmensforscher als „strukturelle Divergenz” bezeichnen:

Generation 1: Der Gründer-Mythos

Generation 1 (Gründer): Hier herrscht noch Einheit von Eigentum und Führung. Der Unternehmer ist Alleininhaber, trifft alle Entscheidungen selbst. Konflikte werden am Abendbrottisch gelöst, die Familie funktioniert als geschlossene Einheit. Das Unternehmen und die Familie sind praktisch identisch.

Generation 2: Erste Risse im Fundament

Generation 2 (Geschwister): Hier entstehen die ersten strukturellen Interessenskonflikte. Typische Streitpunkte:

  • Wer arbeitet aktiv in der Firma mit?
  • Wer begnügt sich mit Dividenden?
  • Wie werden Gehälter und Gewinnausschüttungen festgelegt?

Die emotionale Bindung ist noch stark, aber die ersten Governance-Probleme werden sichtbar.

Praxisbeispiel: Ein norddeutsches Logistikunternehmen geriet 2020 in eine schwere Krise, als zwei Brüder unterschiedliche Expansionsstrategien verfolgten. Während der eine auf Digitalisierung setzte, wollte der andere das Filialnetz ausbauen. Ohne klare Entscheidungsstrukturen blockierten sie sich gegenseitig – mit fatalen Folgen für die Liquidität.

Generation 3: Der Zwangsverband

Generation 3 (Cousins/Cousinen): Der emotionale Zusammenhalt schwindet dramatisch. Die Familie wird zum „Zwangsverband” von Gesellschaftern, die sich kaum noch kennen. Cousins haben unterschiedliche Lebensentwürfe, leben in verschiedenen Ländern, haben eigene Karrieren. Das Familienunternehmen wird zur Kapitalanlage unter vielen – oder zur lästigen Verpflichtung.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Während in der ersten Generation typischerweise 1-2 Personen entscheiden, sind es in der dritten Generation oft 10-20 Gesellschafter. Die Komplexität steigt exponentiell, die Entscheidungsfindung wird zum Alptraum.

Governance als strategisches Risikomanagement

Wer dieses Szenario verhindern will, darf nicht auf „familiäre Liebe” oder Zufälle hoffen. Er muss professionelle Strukturen schaffen. Family Governance ist kein Luxus für Superreiche, sondern eine Notwendigkeit für jeden Vermögenstransfer ab einer Million Euro.

Die Familienverfassung als Fundament

Eine Familienverfassung ist kein juristischer Knebelvertrag, sondern ein strategisches Einigungswerk. Sie fungiert als „Betriebsanleitung” für die Familie als Gesellschaftergemeinschaft. Zentrale Regelungsbereiche:

Konfliktmanagement: Wie gehen wir mit Meinungsverschiedenheiten um? Gibt es Mediationsverfahren? Wer hat das letzte Wort bei Pattsituationen?

Mitarbeiterregelung: Dürfen Familienmitglieder automatisch im Unternehmen arbeiten? Welche Qualifikationen sind erforderlich? Wie werden Gehälter festgelegt?

Partner-Integration: Dürfen angeheiratete Partner in die Firma? Haben sie Stimmrechte? Was passiert bei Scheidungen?

Exit-Strategien: Gibt es eine „Exit-Option” für Familienmitglieder, die aussteigen wollen, ohne die Firma zu liquidieren? Wie werden Anteile bewertet und abgefunden?

Erfolgsbeispiel: Die Hamburger Unternehmerfamilie Schmidt etablierte 2018 eine Familienverfassung mit klaren Exit-Regeln. Als 2022 ein Familienmitglied seine Anteile verkaufen wollte, konnte der Prozess binnen sechs Monaten über einen vordefinierten Bewertungsmechanismus abgewickelt werden – ohne Rechtsstreit, ohne Betriebsstörung.

Professionelle Gremienstrukturen

Erfolgreiche Familien etablieren professionelle Entscheidungsstrukturen:

  • Gesellschafterversammlung: Das oberste Organ mit klaren Kompetenzen und Abstimmungsregeln
  • Familienbeirat: Ein kleineres Gremium aus 3-5 Familienmitgliedern, das operative Entscheidungen vorbereitet
  • Externe Beiräte: Unabhängige Experten, die als „Schiedsrichter” bei Konflikten fungieren können

Die Rolle der Next Generation

Ein kritischer Erfolgsfaktor ist die systematische Vorbereitung der nächsten Generation. Studien zeigen: Familien, die ihre Nachkommen früh in Governance-Prozesse einbinden, haben eine 40 % höhere Erfolgsquote bei Übergaben.

Innovationsbeispiel: Ein süddeutscher Automobilzulieferer führte 2019 ein „Next Gen Board” ein – ein Gremium aus Familienmitgliedern zwischen 20 und 35 Jahren. Dieses Board erhielt ein eigenes Budget für Innovationsprojekte und berichtet direkt an die Geschäftsführung. Ergebnis: Die junge Generation entwickelte zwei neue Geschäftsfelder und identifiziert sich stark mit dem Unternehmen.

Rechtliche Rahmenbedingungen und Dokumentation

Die rechtliche Verankerung von Governance-Strukturen erfordert sorgfältige Dokumentation. Zentrale Instrumente:

  • Gesellschaftsverträge: Müssen Governance-Regeln verbindlich verankern, insbesondere Stimm- und Vetorechte
  • Familienverfassung: Rechtlich nicht bindend, aber moralisch verpflichtend. Sollte alle 3-5 Jahre überprüft werden
  • Testamentarische Verfügungen: Müssen mit Governance-Strukturen harmonieren, um Konflikte zu vermeiden
  • Melde- und Dokumentationspflichten: Regelmäßige Family Meetings, Protokollierung von Entscheidungen, Transparenz über Unternehmensentwicklung

Internationale Perspektiven und Best Practices

Internationale Studien zeigen erhebliche kulturelle Unterschiede im Umgang mit Family Governance:

Skandinavisches Modell: Hohe Transparenz, demokratische Entscheidungsfindung, starke Einbindung der nächsten Generation

Deutsches Modell: Betonung der Unternehmerpersönlichkeit, weniger formalisierte Strukturen, aber zunehmende Professionalisierung

US-Modell: Sehr formalisierte Governance, externe Beiräte, klare rechtliche Verankerung aller Prozesse


Handlungsschritte für Family Governance

SchrittMaßnahmeZeitrahmenVerantwortlich
1Familien-Bestandsaufnahme und Konfliktanalyse2-3 MonateExterne Beratung
2Workshop zur Entwicklung gemeinsamer Werte1 TagModerator + Familie
3Entwurf einer Familienverfassung3-4 MonateRechtsanwalt + Familie
4Etablierung von Gremienstrukturen2 MonateFamilienrat
5Definition von Exit-Strategien2-3 MonateSteuerberater + Anwalt
6Implementierung von Kommunikationsstrukturen1 MonatFamilienrat
7Regelmäßige Überprüfung und AnpassungJährlichFamilienbeirat

Rechtliche Quellen und Fundstellen

BereichRechtsgrundlageFundstelle
GesellschaftsrechtGmbH-Gesetz§§ 45-51 GmbHG
ErbrechtBGB Erbrecht§§ 1922-2385 BGB
SteuerrechtErbschaftsteuergesetz§§ 13a, 13b ErbStG
FamilienrechtGüterrecht§§ 1363-1563 BGB
HandelsrechtHGB§§ 105-160 HGB

Zentrale Praxisimplikationen

Für Vermögensinhaber:

  • Governance ist keine Option, sondern Notwendigkeit ab 1 Million Euro Vermögen
  • Frühe Einbindung der nächsten Generation erhöht Erfolgswahrscheinlichkeit um 40 %
  • Externe Moderation bei Konflikten ist oft kostengünstiger als spätere Rechtsstreitigkeiten

Für Berater:

  • Family Governance erfordert interdisziplinäre Zusammenarbeit (Recht, Steuer, Psychologie)
  • Regelmäßige Überprüfung und Anpassung der Strukturen ist essentiell
  • Kulturelle Sensibilität bei der Implementierung ist erfolgskritisch

Fazit: Frieden ist kein Zufallsprodukt. Er ist das Ergebnis harter Arbeit an den Regeln. Familien, die heute in professionelle Governance-Strukturen investieren, sichern nicht nur ihr Vermögen, sondern auch den familiären Zusammenhalt für kommende Generationen.

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