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  • Henning Krischke
  • 6. Juli 2026

Strategische Neuausrichtung unter Druck: Family Offices im Umbruch

  • 5 Min. Lesezeit
  • Wissensforum Family Office
Mann blickt über Frankfurter Skyline bei Sonnenuntergang
Strategische Neuausrichtung unter Druck: Family Offices im Umbruch

Eine aktuelle Studie von Roland Berger zeichnet ein differenziertes Bild der Lage vermögender Familienstrukturen in der DACH-Region. Die Erhebung „New asset allocation in challenging times” basiert auf Befragungen von 88 Family-Office-Vertretern und assoziierten Fachleuten, die zwischen Dezember 2025 und März 2026 mittels Online-Fragebogen befragt wurden. Mit 78 Prozent stammt die große Mehrheit der Teilnehmer aus Deutschland, gefolgt von der Schweiz (14%) und Österreich (2%). 75 Prozent der Befragten sind Geschäftsführer, 16 Prozent Investment Manager. Etwa 70 Prozent der Teilnehmer arbeiten direkt in Family-Office-Strukturen, davon 69 Prozent in Single Family Offices und 31 Prozent in Multi Family Offices. Das Ergebnis: Family Offices professionalisieren sich, bauen ihre Resilienz aus und richten ihre Portfolios aktiv auf strukturelle Unsicherheiten aus.

Geopolitik als dominierender Risikofaktor

Der auffälligste Befund der Studie ist gleichzeitig der beunruhigendste: 88 Prozent der befragten Family Offices bewerten geopolitische Umbrüche als „signifikante” oder „sehr signifikante” Herausforderung – gegenüber 65 Prozent im Vorjahr ein Anstieg um mehr als 20 Prozentpunkte. Die Erosion geopolitischer Stabilität ist längst in den Steuerzentralen familiärer Großvermögen angekommen und zwingen Family Offices dazu, etablierte Allokationsmodelle grundlegend zu hinterfragen.

Daneben bleibt das Zinsumfeld ein zweiter, wenn auch nachlassender Belastungsfaktor: 68 Prozent der Befragten sehen darin eine wesentliche Herausforderung, nach 78 Prozent im Vorjahr. Die Normalisierung des Zinsniveaus hat den akuten Anpassungsdruck gemildert, auch wenn Bewertungsfragen bei langfristigen Investments offen bleiben.

Neu auf der Agenda: Strukturelle Risiken wie Digitalisierung (65%, Vorjahr 59%) und Energie- sowie Rohstoffkrisen (59%, Vorjahr 52%) gewinnen an Dringlichkeit. Rezessionssorgen beschäftigen 57 Prozent der Befragten, während Zölle und handelspolitische Maßnahmen von 40 Prozent als relevante Herausforderung eingestuft werden – ein Thema, das mit den jüngsten geopolitischen Verwerfungen und protektionistischen Tendenzen an Schärfe gewonnen hat.

Portfolioumschichtungen: Stabilität trifft Wachstumsambitionen

Immobilien bleiben mit einer Verbreitung von 97 Prozent (Vorjahr 92%) die meistgenutzte Assetklasse – stehen jedoch gleichzeitig auf dem Prüfstand: Unter allen Assetklassen ist Immobilien die zweithäufigste, bei der Befragte eine Reduktion planen. Cash-Positionen werden von 94 Prozent (Vorjahr 92%) gehalten – eine Positionierung, die weniger auf Risikoaversion hindeutet als auf strategische Optionalität und die Schaffung von Handlungsspielraum.

Das stärkste Aufwärtsmomentum entwickelt Private Equity: 55 Prozent der Befragten – unter den bereits 88 Prozent, die PE-Fondsinvestitionen halten – planen deren Ausbau (Vorjahr 48%). Direktinvestitionen in Private Equity folgen mit 50 Prozent geplanter Steigerung (Vorjahr 57%) bei 83 Prozent bestehender Exposition. Diese Entwicklung spiegelt eine strategische Verschiebung hin zu mehr Kontrolle und internen Kompetenzen wider.

Bemerkenswerter Aufsteiger unter den Assetklassen sind Edelmetalle: 45 Prozent der Family Offices planen hier eine Erhöhung – gegenüber lediglich 29 Prozent im Vorjahr ein deutlicher Sprung, der auf gestiegene Nachfrage nach realen Wertspeichern in unsicheren Zeiten hindeutet. Am unteren Ende rangieren Venture Capital (nur 19% planen Steigerungen, 35% wollen reduzieren) sowie Krypto- und Digital-Assets mit einer nach wie vor marginalen Rolle.

Infrastruktur und Healthcare als strukturelle Ankerpunkte

Bei den thematischen Anlageschwerpunkten vollzieht sich die deutlichste Verschiebung im Bereich Infrastruktur: 69 Prozent der Family Offices planen hier Investitionen – gegenüber nur 41 Prozent im Vorjahr entspricht das einem Anstieg von 28 Prozentpunkten und unterstreicht, wie stark sich die Präferenzen in Richtung stabiler, inflationsgebundener Cashflows und regulatorischer Planbarkeit verschoben haben.

Healthcare bleibt mit 58 Prozent (Vorjahr 61%) das zweitwichtigste Investitionsfeld – getragen von defensiven Eigenschaften und langfristigen demografischen Megatrends. Wachstumsorientierte Felder gewinnen selektiv an Bedeutung: Künstliche Intelligenz legt auf 45 Prozent zu (Vorjahr 37%), IT und digitale Geschäftsmodelle folgen mit 41 Prozent. Finance & Fintech verzeichnet den stärksten relativen Zuwachs: von 8 auf 19 Prozent – wenngleich von niedriger Basis aus. Industrielle Anwendungen (27%), Green Technology (15%) und Dienstleistungen (14%) bleiben stabile, aber wenig dynamische Segmente. Bemerkenswert: Rüstung und Verteidigung tauchen erstmals mit 6 Prozent in der Erhebung auf – ein Reflex auf veränderte geopolitische Realitäten.

Internationale Diversifikation mit regionaler Selektivität

90 Prozent der befragten Family Offices investieren außerhalb des Heimatmarkts – jedoch mit ausgeprägter Selektivität: Nur 40 Prozent allokieren mehr als die Hälfte des Vermögens international, was auf eine nach wie vor starke Heimatmarktpräferenz hindeutet.

Nordamerika (88% Relevanz) und Nordeuropa (87%) dominieren als bevorzugte Zielregionen. Entscheidend: Nordeuropa ist der klare Hauptgewinner bei den Aufbauplänen – 60 Prozent der Befragten planen eine Erhöhung ihrer Exposition in dieser Region, getrieben von Stabilität, Vertrauen und attraktiven Risiko-Rendite-Profilen. Nordamerika bleibt zwar unverzichtbar aufgrund von Markttiefe und Liquidität, wird aber angesichts politischer Unberechenbarkeit, hoher Bewertungsniveaus und Währungsrisiken differenzierter bewertet.

Japan hebt sich als attraktivster nicht-westlicher Markt hervor: 72 Prozent sehen das Land als relevant, 44 Prozent planen eine Erhöhung – gestützt durch Strukturreformen und verbesserte Corporate Governance. Indien (36%) und das übrige Asien (32%) stoßen auf selektives, langfristiges Wachstumsinteresse, häufig über Fondsstrukturen zur Risikokontrolle. Demgegenüber verlieren Hochrisikoregionen an Attraktivität: 30 Prozent der Befragten planen eine Reduktion ihres Nahost-Engagements; Südamerika und Afrika werden zunehmend als nicht-kernstrategisch eingestuft.

Interne Professionalisierung: Cybersicherheit bleibt Dauerbaustelle

Cybersicherheit (87%, Vorjahr 84%) steht unangefochten an der Spitze der internen Herausforderungen – getrieben von wachsender digitaler Exponierung und geopolitischen Ausstrahlungseffekten auf IT-Infrastrukturen. Digitalisierung (81%) und Professionalisierung (79%) folgen, beide leicht rückläufig gegenüber dem Vorjahr – ein Zeichen reifender Strukturen und etablierter Prozesse.

Innerfamiliäre Themen entspannen sich: Nachfolgestrukturen (65%, Vorjahr 71%) und Mitbestimmungs-Governance (49%, Vorjahr 68%) verlieren an Dringlichkeit, da Formalisierung und Zuständigkeitsklarheit zunehmen. Gestiegen ist dagegen die Relevanz der Abstimmung familiärer Risikoeinstellungen auf 45 Prozent (Vorjahr 43%) – volatile Märkte erfordern eine aktivere Positionierung auch innerhalb der Familie.

Fazit: Vom reaktiven zum aktiven Risikomanagement

Die Studie von Roland Berger beschreibt eine bemerkenswerte Reifung des Family-Office-Sektors. „Family Offices reagieren nicht mehr nur auf Risiken, sie lernen, aktiv damit umzugehen”, fasst Justus Jandt, Senior Partner bei Roland Berger, den Befund zusammen. Professionellere Strukturen, gezielte externe Beratung und eine systematischere Portfoliosteuerung versetzen die Häuser zunehmend in die Lage, Unsicherheit nicht nur auszuhalten, sondern strategisch zu nutzen. Für Finanz- und Nachfolgeplaner liefert die Studie eine klare Orientierung: Die Assetklassen-Präferenzen, regionalen Allokationsschwerpunkte und internen Professionalisierungsmaßnahmen sind keine Einzelphänomene – sie spiegeln eine strukturelle Neuausrichtung wider, die das gesamte Segment der institutionellen Privatvermögen erfasst.

Hier geht´s zur Studie von Roland Berger
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