Asset Allocation wird in der Praxis meist als Renditeproblem verstanden. Die Frage lautet: Wie verteile ich mein Vermögen so, dass ich bei vertretbarem Risiko eine angemessene Rendite erziele? Diese Perspektive ist nicht falsch, aber sie ist unvollständig. Denn sie übersieht eine strukturelle Schwachstelle, die erst sichtbar wird, wenn es bereits zu spät ist: die fehlende Liquidität im Bedarfsfall.
Das versteckte Risiko: Wenn Substanz und Verfügbarkeit auseinanderfallen
In deutschen Familienvermögen zeigt sich ein wiederkehrendes Muster. Über 80 Prozent des Nettovermögens liegen häufig in illiquiden Sachwerten – Immobilien, Unternehmensbeteiligungen, land- und forstwirtschaftliche Flächen. Diese Vermögenswerte erfüllen ihre Funktion im laufenden Betrieb: Sie werfen Erträge ab, sie stabilisieren, sie repräsentieren Substanz. Solange das System läuft, ist diese Struktur unproblematisch. Doch im Moment der Unterbrechung – etwa durch einen Erbfall – kippt die Logik.
Denn Erbschaftsteuer ist keine Substanzsteuer. Sie ist eine Liquiditätsforderung. Der Staat fordert Zahlung in Euro, und zwar innerhalb einer definierten Frist. Das Vermögen jedoch liegt in Stein, in Beteiligung, in Grund. Es ist gebunden. Die Diskrepanz zwischen Forderung und Verfügbarkeit erzeugt eine mathematische Lücke, die nicht durch guten Willen, sondern nur durch Liquidität geschlossen werden kann.
Diese Lücke wird in der Planung oft unterschätzt, weil sie im Alltag nicht spürbar ist. Vermögensinhaber sehen ihr Portfolio als Ganzes, als funktionierenden Organismus. Die Immobilie ist vermietet, das Unternehmen erwirtschaftet Gewinn, die Wertpapiere liegen im Depot. Alles ist „da”. Doch Liquidität ist nicht das Gleiche wie Vermögen. Liquidität ist Verfügbarkeit. Und Verfügbarkeit ist eine Zeitfrage.
Der klassische Reflex im Erbfall lautet: Wir verkaufen etwas. Doch dieser Reflex ignoriert zwei Probleme. Erstens: Verkäufe unter Zeitdruck erfolgen selten zu Marktpreisen. Zweitens: Der Verkauf einer Immobilie oder einer Beteiligung verändert die Vermögensstruktur dauerhaft. Was als kurzfristige Lösung gedacht war, wird zur strategischen Weichenstellung – oft ohne dass die Erben diese Entscheidung bewusst getroffen haben.
Liquidität zweiter Ordnung: Die Lösung
Hier setzt das Konzept der Liquiditätsbeschaffung zweiter Ordnung an. Es geht nicht darum, Liquidität durch Substanzabbau zu erzeugen, sondern darum, Liquidität strukturell vorzuhalten oder im Bedarfsfall ohne Substanzverlust mobilisieren zu können. Das erfordert eine andere Denkweise: Asset Allocation wird nicht nur nach Rendite und Risiko strukturiert, sondern auch nach Verfügbarkeit und Zeitfenster.
Drei Instrumente für strukturelle Liquidität
Ein erstes Instrument ist die Steuervorsorge-Police. Sie ist keine Kapitalanlage im klassischen Sinne, sondern ein Liquiditätspuffer mit definierten Auszahlungsbedingungen. Im Todesfall wird die Versicherungssumme sofort und steuerfrei ausgezahlt. Sie steht zur Verfügung, ohne dass verkauft, beliehen oder umgeschichtet werden muss. Die Police ist kein Ersatz für eine durchdachte Vermögensstruktur, aber sie ist ein Puffer, der Zeit kauft – und Zeit ist im Erbfall oft das knappste Gut.
Ein zweites Instrument ist der Wertpapier-Lombardkredit. Wer liquide Mittel benötigt, muss nicht zwingend verkaufen. Er kann beleihen. Wertpapiere im Depot können als Sicherheit dienen, ohne dass die Position aufgelöst wird. Das hat zwei Vorteile: Die Vermögensstruktur bleibt erhalten, und der Kredit kann später aus laufenden Erträgen oder durch gezielte Verkäufe zu besseren Zeitpunkten zurückgeführt werden. Lombardkredite sind kein Allheilmittel, aber sie sind ein flexibles Werkzeug, das in der Praxis oft unterschätzt wird.
Ein drittes Element ist die dynamische Cash-Quote. Die Frage, wie viel Liquidität ein Vermögen vorhalten sollte, lässt sich nicht pauschal beantworten. Sie hängt ab vom Alter des Vermögensinhabers, von der Struktur des Vermögens, von der Höhe der zu erwartenden Steuerlast, von der Ertragskraft der Anlagen. Eine dynamische Cash-Quote bedeutet, dass die Liquiditätsreserve nicht statisch festgelegt wird, sondern sich an der Lebenssituation orientiert. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit des Erbfalls – und damit auch der Bedarf an sofort verfügbaren Mitteln.
Was diese drei Instrumente verbindet, ist eine gemeinsame Logik: Sie lösen das Liquiditätsproblem nicht durch Substanzabbau, sondern durch strukturelle Vorsorge. Sie schaffen Handlungsfähigkeit, ohne dass im Ernstfall unter Druck entschieden werden muss. Das ist der Unterschied zwischen Reaktion und Planung.
Ein Vermögen, das atmen kann
Doch die eigentliche Herausforderung liegt nicht in der Auswahl der Instrumente, sondern in der Erkenntnis, dass das Problem überhaupt existiert. Viele Vermögensinhaber unterschätzen die Liquiditätslücke, weil sie im Alltag nicht sichtbar ist. Sie wird erst dann zum Thema, wenn es zu spät ist. Und dann bleibt nur noch die Notlösung: der Verkauf unter Zeitdruck, die Beleihung zu ungünstigen Konditionen, die Stundung mit Zinslast.
Die Frage, die sich stellt, ist nicht, ob ein Vermögen groß genug ist. Die Frage ist, ob es atmen kann. Ein Vermögen, das nicht atmen kann, erstickt an der Steuer. Es ist nicht die Höhe der Steuerlast, die das Problem ist, sondern die fehlende Fähigkeit, diese Last zu tragen, ohne die Substanz zu beschädigen.
Asset Allocation ist deshalb mehr als die Frage nach der richtigen Mischung aus Aktien, Anleihen und Immobilien. Es ist die Frage nach der Verfügbarkeit im Ernstfall. Es ist die Frage, ob das Vermögen nicht nur Rendite erwirtschaftet, sondern auch Handlungsfähigkeit sichert. Und es ist die Frage, ob die Struktur des Vermögens so gestaltet ist, dass sie auch unter Druck funktioniert.
Wer seine Liquiditätslücke nicht kennt, plant nicht. Er hofft. Und Hoffnung ist keine Strategie.
Denn ein Vermögen ist erst dann gut strukturiert, wenn es nicht nur in guten Zeiten funktioniert, sondern auch dann, wenn es darauf ankommt.