Spahns Steueranreiz-Vorschlag für Vermögende trifft auf SPD-Widerstand – Implikationen für die Beratungspraxis
Die steuerpolitische Debatte in Deutschland hat Anfang Februar 2026 eine neue Dimension erreicht. Während Unionsfraktionschef Jens Spahn vermögende Investoren mit gezielten Steueranreizen nach Deutschland locken will, lehnt der Koalitionspartner SPD diesen Vorschlag kategorisch ab.
Für Finanz- und Nachfolgeplaner markiert diese Auseinandersetzung einen entscheidenden Wendepunkt: Die steuerliche Attraktivität Deutschlands für vermögende Mandanten wird zunehmend zum strategischen Beratungsthema – insbesondere vor dem Hintergrund internationaler Standortalternativen und parallel laufender Erbschaftsteuerreformpläne.
Die Ausgangslage: Spahns Vorstoß und die SPD-Reaktion
Am ersten Februarwochenende 2026 präsentierte Jens Spahn seinen Vorschlag, Deutschland durch steuerliche Sonderregelungen für vermögende Investoren attraktiver zu machen. Als Vorbild dient ihm das italienische Modell der Pauschalbesteuerung, die sogenannte „Legge Paperoni”.[26]
Spahns Argumentation:
„Gerade aus den USA höre ich, dass viele Gründer und Unternehmer über eine Rückkehr nach Europa nachdenken.”[27]
Italien habe diesen Trend früh erkannt, während Deutschland solche Vorschläge reflexhaft ablehne, obwohl das Ziel derzeit vor allem Wachstum sein müsse.[27]
SPD lehnt Steuerprivilegien ab
Die SPD-Reaktion folgte umgehend. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Wiebke Esdar stellte klar:
„Steuersonderregeln für einzelne Gruppen sind kein nachhaltiges Standortkonzept.”[26]
Die Sozialdemokraten setzen auf strukturelle Faktoren: Infrastruktur, verlässliche Regeln, Fachkräfte und soziale Stabilität.[27] Wer nach Deutschland komme, solle investieren und Verantwortung übernehmen – „nicht wegen kurzfristiger Steuervorteile, sondern weil dieses Land Zukunft bietet”.[27]
Der fundamentale Konflikt: Soll Deutschland im internationalen Steuerwettbewerb um mobile Vermögen aktiv mitmischen oder auf strukturelle Standortqualität setzen?
Das italienische Modell: Funktionsweise und Erfolgsgeschichte
Kernelemente der „Legge Paperoni”
Das italienische Pauschalsteuermodell wurde 2017 eingeführt, um vom Brexit zu profitieren und abwanderungswillige Reiche aus dem Vereinigten Königreich anzuziehen.[28] Die Regelung bietet erhebliche Steuervorteile:
Pauschalbesteuerung von Auslandseinkommen
Wer seinen Wohnsitz aus dem Ausland nach Italien verlegt, kann sein gesamtes Auslandseinkommen pauschal mit 200.000 Euro pro Jahr versteuern.[27]
Wichtige Eckdaten:
- Ursprünglich lag die Pauschalsteuer bei 100.000 Euro
- Anfang 2025 wurde sie verdoppelt
- Die Erhöhung hatte keinen negativen Einfluss auf die Zahl der Vermögenden[28]
- Familienangehörige zahlen eine Pauschalsteuer von 25.000 Euro pro Jahr[27]
- Laufzeit: 15 Jahre
- Auch für italienische Staatsbürger nutzbar (bei mindestens 9 Jahren Abwesenheit)[27]
- Einkommen aus Italien unterliegt weiterhin dem regulären Steuersatz[27]
Rentabilitätsschwelle: Die Pauschalsteuer lohnt sich ab einem jährlichen Auslandseinkommen von etwa 500.000 Euro. Bei diesem Betrag würden ohne Pauschalregelung circa 130.000 Euro Steuern anfallen.[13]
Wirtschaftliche Effekte in Italien
Das Modell gilt als Erfolg: Mailand und die norditalienischen Seen verzeichneten erhebliche Zuzüge Vermögender.[28]
Positive Effekte:
- Pauschalsteuer fließt in den italienischen Haushalt
- Kaufkraft belebt die lokale Wirtschaft
- Regionale Wertschöpfung steigt
Negative Effekte:
- Immobilienpreise in Mailand deutlich gestiegen
- Verdrängungseffekte für lokale Bevölkerung[28]
Internationaler Standortvergleich: Steuerliche Attraktivität
Einkommensteuer im Ländervergleich
Die Gesamtsteuerbelastung in Deutschland liegt mit 38,1 Prozent des BIP im oberen Mittelfeld der OECD-Staaten.[17] Bei der Unternehmensbesteuerung weist Deutschland 29,9 Prozent auf, Italien 27,9 Prozent.[16]
Vergleich für vermögende Mandanten mit Auslandseinkünften
| Land | Steuermodell | Effektive Belastung |
|---|---|---|
| Deutschland | Spitzensteuersatz bis 47,5% (inkl. Soli), Kapitalertragsteuer 25% plus Soli/Kirchensteuer | Sehr hoch |
| Italien (Pauschalsteuer) | 200.000 € pauschal auf alle Auslandseinkünfte | Bei 2 Mio. € Einkommen: 10% effektiv |
| Schweiz | Kantonal unterschiedlich, Zug besonders attraktiv | Deutlich niedriger als Deutschland |
Erbschaftsteuer: Der entscheidende Langfristfaktor
Für die Nachfolgeplanung ist die Erbschaftsteuer oft der entscheidende Standortfaktor.
Italien: Ausgesprochen großzügig
Verwandte in direkter Linie (Ehepartner, Kinder, Enkelkinder):
- Freibetrag: 1.000.000 Euro
- Steuersatz danach: 4%[28]
Geschwister:
- Freibetrag: 100.000 Euro
- Steuersatz danach: 6%[28]
Besonderheiten:
- Immobilien werden nach Katasterwert bewertet (oft deutlich unter Marktwert)[29]
- Unternehmenserbschaften: Vollständige Steuerbefreiung bei Fortführung für mindestens 5 Jahre[29]
Deutschland: Aktueller Stand und Reformpläne
Status quo:
- Freibeträge für Kinder: 400.000 Euro
- Steuersätze: bis 30%
- Umfangreiche Verschonungsregelungen für Betriebsvermögen[29]
SPD-Reformpläne 2026:
- Private Erbschaften bis 1.000.000 Euro steuerfrei
- Betriebsvermögen: Freibetrag 5.000.000 Euro[23][24]
- Aber: Bisherige Verschonungsregelungen sollen weitgehend abgeschafft werden[22]
Internationaler Vergleich: Erbschaftsteuerbelastung (in % des BIP)
- Italien: 0,1%
- Deutschland: 0,52%
- Großbritannien: 0,71%[7]
Fazit: Deutschland weist bei Vererbungen an den Ehegatten die stärkste Belastung auf, bei Vererbungen an Kinder die dritthöchste.[9]
Implikationen für die Beratungspraxis
Mandantenprofile und Schwellenwerte
Aus der aktuellen Debatte ergeben sich konkrete Handlungsfelder für drei Mandantengruppen:
1. Hochvermögende mit internationalen Einkommensströmen
Profil: Mandanten mit signifikanten Auslandseinkünften ab etwa 500.000 Euro jährlich
Potenzial: Die Ersparnis gegenüber der deutschen Progression kann mehrere hunderttausend Euro jährlich betragen.[13]
Beispielrechnung:
- Auslandseinkommen: 2.000.000 Euro/Jahr
- Deutsche Steuer (ca. 40% effektiv): 800.000 Euro
- Italienische Pauschalsteuer: 200.000 Euro
- Jährliche Ersparnis: 600.000 Euro
- Ersparnis über 15 Jahre: 9.000.000 Euro
2. Unternehmensnachfolger
Herausforderung: Die SPD-Reformpläne sehen zwar einen Freibetrag von fünf Millionen Euro vor, gleichzeitig sollen jedoch die Verschonungsregelungen entfallen.[23][24]
Konsequenz: Für Betriebe mit höheren Bewertungen kann dies zu erheblichen Liquiditätsbelastungen führen.
Handlungsbedarf: Prüfung vorgezogener Übertragungen unter Nutzung aktueller Verschonungsregelungen
3. Rentner mit Auslandsvermögen
Option: Italienische 7-Prozent-Regelung für Rentner in bestimmten Regionen bietet eine attraktive Alternative.[12]
Strukturierungsoptionen und rechtliche Rahmenbedingungen
Die Beratungspraxis muss folgende Aspekte evaluieren:
Wohnsitzverlagerung nach Italien
Voraussetzungen:
- Aufgabe des deutschen steuerlichen Wohnsitzes
- Tatsächliche Verlagerung des Lebensmittelpunkts
- Prüfung der Ansässigkeit nach Doppelbesteuerungsabkommen
Zu beachten:
Erweiterte beschränkte Steuerpflicht (§ 2 AStG): Deutschland besteuert Wegzügler mit erheblichen Beteiligungen an deutschen Kapitalgesellschaften weiterhin beschränkt.
Wegzugsbesteuerung (§ 6 AStG): Bei Verlagerung des Wohnsitzes kann eine Wegzugsbesteuerung für Anteile an Kapitalgesellschaften ausgelöst werden. Stundungsregelungen innerhalb der EU existieren, dennoch entsteht eine latente Steuerlast.
Melde- und Dokumentationspflichten: Mandanten mit Auslandsvermögen unterliegen umfangreichen Meldepflichten nach dem Common Reporting Standard (CRS).
Zeitfenster und Handlungsdruck
Die aktuelle politische Konstellation schafft spezifische Zeitfenster:
Erbschaftsteuerreform
Risiko: Sollte es zu einer Umsetzung der SPD-Pläne kommen, könnte dies Nachfolgeregelungen erheblich verteuern.
Empfehlung: Mandanten mit konkreten Nachfolgeplänen sollten prüfen, ob eine vorgezogene Übertragung unter Nutzung der aktuellen Verschonungsregelungen sinnvoll ist.
Italienische Pauschalsteuer
Entwicklung: Die Verdoppelung auf 200.000 Euro zeigt, dass Italien die Regelung anpassen kann.[28] Weitere Anpassungen sind nicht ausgeschlossen.
Empfehlung: Zeitnahe Prüfung bei Interesse, da das Modell trotz Erhöhung hochattraktiv bleibt.
Koalitionsdynamik
Planungsunsicherheit: Die fundamentalen Differenzen zwischen Union und SPD deuten darauf hin, dass eine einheitliche Linie schwer erreichbar sein wird.
Konsequenz: Kontinuierliche Beobachtung der politischen Entwicklung erforderlich.
Volkswirtschaftliche und verteilungspolitische Dimension
Die Debatte spiegelt einen grundlegenden wirtschaftspolitischen Zielkonflikt wider:
Wachstumsargument (Spahn/Union)
Steueranreize können Wachstumsimpulse auslösen:
- Vermögende bringen nicht nur Steuereinnahmen
- Sondern auch Kaufkraft, Investitionskapital und unternehmerisches Know-how
- Das italienische Beispiel zeigt positive regionale Effekte[28]
Verteilungsargument (SPD)
Steuersonderregeln für Vermögende widersprechen dem Gerechtigkeitsprinzip:
- Normalverdiener zahlen hohe Steuersätze
- Millionäre werden privilegiert
- Dies untergräbt das Vertrauen in das Steuersystem[27]
- Die SPD setzt auf strukturelle Standortfaktoren
Empirische Evidenz
Die internationale Forschung zeigt:
Pro Steueranreize:
- Hochvermögende sind tatsächlich mobil
- Steuerliche Faktoren spielen bei Standortentscheidungen eine erhebliche Rolle
- Positive externe Effekte möglich
Contra Steueranreize:
- Fiskalische Nettoeffekte umstritten
- Steuerausfälle können positive Effekte übersteigen
- Negative Effekte durch erhöhte Immobilienpreise (Italien-Beispiel)[28]
Fazit: Strategische Positionierung für die Beratungspraxis
Die aktuelle Debatte markiert einen Wendepunkt in der deutschen Steuerpolitik. Für Finanz- und Nachfolgeplaner ergeben sich drei zentrale Handlungsfelder:
1. Internationale Standortberatung wird zum Pflichtthema
Mandanten mit signifikanten Auslandseinkünften oder komplexen Nachfolgesituationen müssen über Alternativen wie das italienische Modell informiert werden.
Die Ersparnisp otenziale sind erheblich: Bei zwei Millionen Euro Auslandseinkommen jährlich können über 15 Jahre bis zu neun Millionen Euro gespart werden.
2. SPD-Erbschaftsteuerreform schafft Handlungsdruck
Unternehmensnachfolger sollten prüfen, ob vorgezogene Übertragungen unter Nutzung der aktuellen Verschonungsregelungen sinnvoll sind. Die geplanten Änderungen könnten Nachfolgeregelungen erheblich verteuern.
3. Koalitionsdifferenzen schaffen Planungsunsicherheit
Berater müssen die politische Entwicklung kontinuierlich beobachten und Mandanten proaktiv über Änderungen informieren.
Die zentrale Erkenntnis: Die Frage ist nicht mehr, ob Deutschland im internationalen Steuerwettbewerb steht – sondern wie Berater ihre Mandanten in diesem Umfeld optimal positionieren.
Anhang A: Handlungsschritte für Berater
| Schritt | Maßnahme | Zeitrahmen |
|---|---|---|
| 1 | Mandantenportfolio screenen: Wer hat Auslandseinkünfte ab 500.000 Euro? | Sofort |
| 2 | Unternehmensnachfolger identifizieren: Wer plant Übertragungen? | Q1 2026 |
| 3 | Informationsgespräche führen: Italien-Modell vs. Deutschland | Laufend |
| 4 | Rechtliche Prüfung: Wegzugsbesteuerung, § 2 AStG, DBA-Fragen | Vor Entscheidung |
| 5 | Steuerliche Modellrechnung: Deutschland vs. Italien (15 Jahre) | Individuell |
| 6 | Erbschaftsteuerplanung: Aktuelle Verschonungsregeln nutzen? | Q1-Q2 2026 |
| 7 | Politisches Monitoring: SPD-Reform, Koalitionsverhandlungen | Kontinuierlich |
| 8 | Mandantenkommunikation: Newsletter, Webinare, Einzelgespräche | Quartalsweise |
Anhang B: Rechtliche Quellen und Fundstellen
| Thema | Rechtsgrundlage | Fundstelle |
|---|---|---|
| Erweiterte beschränkte Steuerpflicht | § 2 AStG | Außensteuergesetz |
| Wegzugsbesteuerung | § 6 AStG | Außensteuergesetz |
| Erbschaftsteuer Deutschland | ErbStG | Erbschaftsteuer- und Schenkungsteuergesetz |
| DBA Deutschland-Italien | DBA-Italien | Bundessteuerblatt |
| Common Reporting Standard | § 117c AO | Abgabenordnung |
| Italienische Pauschalsteuer | Art. 24-bis TUIR | Testo Unico delle Imposte sui Redditi |
| SPD-Erbschaftsteuerreform | Konzept „FairErben” | SPD-Bundestagsfraktion, 13.01.2026 |
Anhang C: Zusammenfassung der wichtigsten Praxisimplikationen
Für Mandanten mit hohen Auslandseinkünften (ab 500.000 Euro):
- Italienische Pauschalsteuer bietet Ersparnis von mehreren Millionen Euro über 15 Jahre
- Voraussetzung: Vollständige Wohnsitzverlagerung und tatsächlicher Lebensmittelpunkt in Italien
- Risiken: Wegzugsbesteuerung, erweiterte beschränkte Steuerpflicht, CRS-Meldepflichten
Für Unternehmensnachfolger:
- SPD-Reformpläne gefährden bisherige Verschonungsregelungen
- Zeitfenster für vorgezogene Übertragungen unter aktuellen Regelungen prüfen
- Freibetrag von 5 Millionen Euro geplant, aber ohne Verschonung darüber hinaus
Für Rentner mit Auslandsvermögen:
- Italienische 7-Prozent-Regelung für bestimmte Regionen hochattraktiv
- Kombination mit Pauschalsteuer für Familienangehörige möglich
Politische Entwicklung:
- Koalitionsdifferenzen schaffen Unsicherheit, aber auch Handlungsspielräume
- Kontinuierliches Monitoring der Gesetzgebung erforderlich
- Proaktive Mandantenkommunikation entscheidend für Wettbewerbsvorteil